Friedensdenkmal

Bildbeschreibung
Jahr: 1911
Ort: Hanau-Steinheim
Standort / Besitz: Friedensplatz
Verbleib: erhalten
Material: Bronze, Muschelkalk
Maße in cm: H 150, Sockel ca. 300
Art: Plastik u. Sockel
Werkgruppe: P1 Denkmäler und Brunnen
Werkgeschichte: Es handelt sich um das erste Friedensdenkmal in Deutschland und um eines der ganz wenigen weltweit. Es wurde gestiftet von Louis Meyer-Gerngross, einem aus Groß-Steinheim stammenden Juden und Jugendfreund von Georg Busch. - Im Mai des Jahres 1911 waren 40 Jahre verflossen, seitdem der Friede von Frankfurt (1871) die Einheit, den Frieden, gegeben hatte. Damit konnte eine ungeahnte wirtschaftliche Entwicklung einsetzen. Es waren etwa 100 Jahre vergangen, seitdem Ludwig I., Großherzog von Hessen, eine Verfassung des Friedens schuf, in dem auch die Juden berücksichtigt waren. Da das Denkmal von einem Juden gestiftet worden war, beschädigten es die Nationalsozialisten 1938 und bauten es 1940 ab. Das Metall wurde eingeschmolzen, der Sockel lagerte in Teilen auf dem Schlosshof. Dr. von Eiff bemühte sich zusammen mit dem Geschichtsverein um Nachguss und Wiedererrichtung des Denkmals durch die Stadt. Das Modell in gleicher Größe wurde ca. 1952 über Dr. von Eiff an das Heimatmuseum von Steinheim geschenkt. Nach ihm wurde 1965 der zweite Guss angefertigt. Es wurde golden gefasst und ist im Heimatmuseum aufbewahrt. Dr. von Eiff hielt die Festrede bei der Enthüllungsfeier 1965 ebenso wie bei der Enthüllung 1911.
Auftraggeber: Louis Meyer-Gerngross. Auftraggeber 1965: die Stadt Steinheim.
Ikonographie / zum Dargestellten: Louis Mayer-Gerngroß (ca.1962-1922) Metzgerssohn aus Groß-Steinheim, lebte in Mannheim. Er war ein Jugendfreund von Busch. - Friedrich Josef von Eiff (1881 – 1966), Jurist, publizierte 1920 eine Geschichte Steinheims, gründete nach 1945 den Heimat- und Geschichtsverein Steinheim, 1911 dessen Vorgänger-Verein.
Werkbeschreibung: Das Denkmal krönt ein antiker Genius des Friedens, der einen Ölzweig in der Hand hält. Auf dem Sockel ist vorne Großherzog Ludwig I. auf einer Bronzetafel abgebildet. Seitlich stellen zwei Steinreliefs Glück und Wohlstand dar, das Familienglück und den Wohlstand durch Arbeit eines Bauern. Auf der Rückseite des Denkmal stand bei Erstaufstellung auf einer Bronzetafel: „Dem Frieden widmet dies Denkmal ein dankbarer Sohn dieser Stadt, dem Frieden, der unserm Lande aus weiser Verfassung erblühte, dem Frieden, der unserm Reiche ruhmvollem Kriege erkämpft ward.“ 1965 wurde diese ersetzt: „1911 Errichtung, 1940 Zerstörung, 1965 Wiederaufbau“. Seit 1980 erinnert an der Rückseite eine Gedenktafel namentlich an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die von den Nazi-Schergen verfolgt und ermordet wurden. Mechtild Hofmann, ein Mitglied des Freundeskreises der Bildhauerfamilie Busch e.V. beschrieb das Friedensdenkmal wie folgt: „Wer zum ersten Mal auf dem Platz des Friedens in Hanau–Steinheim das Friedensdenkmal sieht, dem fällt sogleich die außergewöhnliche Aussagekraft dieses Kunstwerks auf. Seine Einzelheiten sind es Wert, etwas näher betrachtet zu werden. Angefangen vom Sockel kann jeder im wahrsten Sinn des Wortes das Fundament der menschlichen Gesellschaft: die Familie in den Gestalten von Vater, Mutter und kleinem Kind erkennen und andererseits, auf dem rechten gegenüberliegenden Relief sehen, wodurch deren Leben gesichert wird: durch Arbeit, die in friedlicher Tätigkeit auf dem Lande erfolgt. Diese Erfahrungstatsache wird im mittleren Relief konkret bestätigt mit der Erinnerung an den Großherzog (seit 1806) Ludwig I. von Hessen-Darmstadt, in dessen Regierungszeit (1790-1830) eine der fortschrittlichsten Landesverfassungen im deutschen Sprachgebiet in Kraft gesetzt wurde. Sie diente dem Frieden. Die zentrale Knabengestalt oben auf dem Sockel weitet indessen den Blick hin zu einem umfassenderen Horizont. Sie erregt unwillkürlich die Aufmerksamkeit, denn sie zeigt sich unerwartet elegant, zeitlos harmonisch und gleichsam schwebend über der Mitte des Platzes. Der bekränzte in leichter Bewegung schreitende Knabe im knielangen Chiton mit ausgebreiteten Armen und einem Olivenzweig in der rechten Hand erscheint wie ein Bote aus der jahrtausendealten Tiefen der europäischen Kultur. Die antike Inspiration, das Gedenken an eine moderne, dem Frieden verpflichtende Verfassung und die überaus elegante Formgebung sind im Friedensdenkmal von Hanau – Steinhein eine geniale, gültige Verbindung eingegangen.“ Abguss 1917: Kleiner Friede. [s. P6a]
Quellen/Literatur: Werkkorrespondenz; - Werkkartei; - Foto NL: Album V/3-9, VII/507-509; - Geschichte des Denkmals. In: Steinheimer Volksfreund 15/116 (14. 10. 1911), S. 1 ff.; - Friedensdenkmals-Enthüllung. In: Steinheimer Beobachter 40/81 (18. 10. 1911), S. 1 ff.; Münchner Illustrierte 4/46 (12. 11. 1911), S. 729; - Doering, O.: Georg Busch. In: CK VIII/6 (1911/12), S. 158; Erntesegen. In: Salonblatt 8/40 (4. 10. 1911), S. 1912; - Busch, G.: Selbstbiographie. In: Zils, W. (Hg.): Geistiges und kulturelles München in Selbstbiographien. München, 1913, S. 46: - Doering, O.: Nell‘ opera del Busch vi è l‘intima fusione del reale e dell‘ ideale. In: Arte cristiana II 8 (15. 8. 1914), S. 234; Familienglück. In: Sonnenland (15. 9. 1914), S. 303; - Doering, O.: Georg Busch. München, 1916, S. 86 f., Abb. S. 92; - Doering, O.: In: Deutscher Hausschatz 43/18 (1.10.1916), S. 655-657; - Scheuber, J.: Friedensdenkmal. In: Der Gral 10/8 (Mai 1916), S. 408; Eiff, F.-J. von: Steinheimer Geschichte 1320-1920, S. 55; Doering, O.: Friedensdenkmal. In: Der Wächter (1923), S. 349; Rothes, W.: Georg Busch 1923, S. 10; - Imgram, L.: Das Friedensdenkmal. In: Die Bau- und Kunstdenkmäler in Groß-Steinheim, 1931, S. 75-79; - Schnell, H.: Familienglück und Erntesegen vom Friedensdenkmal. In: Regensburger Marienkinder 73 (1938), S. 46 f.; - Hofmann, Mechtild: Das Friedensdenkmal. Unveröffentlichter Artikel 2009; - Henke, E., Kemmerer, N. und Maaser, M.: vom Denkmal zum Mahnmal. 100 Jahre Steinheimer Friedensdenkmal. In: Heimat- und Geschichteverein Steinheim am Main e. V. (Hg.): Steinheimer Jahrbuch für Geschichte und Kultur, Bd. 6 (2011), S. 7 und 13-26; - Busch-Hofer, R.: Bildhauer Georg Busch. Lindenberg, 2013, S. 49, Abb. 63.